Globale
Wirtschaft


Der hungriger Tiger Weltwirtschaft und die Utopie des grenzenlosen Wachstums. Eine kritische Betrachtung unseres Konsumsystems



Die Ausgangssituation:


Die Erkenntnis, daß eine auf Konsum materieller Güter basierende Weltwirtschaft irgendwann zwangsläufig an natürliche Grenzen stoßen würde, ist nicht neu. Schon der Club Of Rome hat zu Beginn der 1970er Jahre auf dieses der Welt bevorstehende Schicksal hingewiesen. Diese Erkenntnis hat in letzter Zeit wieder an Aktualität gewonnen, da der Widerspruch unbegrenzten materiellen Wachstums und Verbrauchs in einer physisch begrenzten Welt vor dem Hintergrund knapper werdender Rohstoffe immer deutlicher wird.

Die darauf aufbauende Diskussion über die Möglichkeit eines verantwortungsvolleren Umgangs mit begrenzten fossilen Rohstoffen wird jedoch auf verschiedenen Ebenen geführt. So fordern radikale Vertreter des Nachhaltigkeitsdiskurses eine den Verbrauch von Rohstoffen immer stärker reduzierende und schließlich dem sogar entsagende systemische Neuorientierung menschlichen Handelns im Sinne "neuer ideeller und entstofflichter gesellschaftlicher Werte" und somit eine Neustrukturierung der globalen Wirtschaft.

Dem gegenüber wird jedoch die politische Diskussion besonders in Deutschland in der Weise geführt, wirtschaftliche Grundfunktionen prinzipiell nicht zu verändern, sondern die Lösung drängender Probleme auf der Basis von Innovationen, Effizienzsteigerungen und Austauschtechnologien zu realisieren. Mit diesem Informationsfenster soll ein Beitrag zur Meinungsbildung hinsichtlich der Lösung wichtiger Zukunftsfragen geleistet werden. Es soll den/die Leser/in darüber hinaus anregen, sein/ihr eigenes Konsumverhalten und somit auch das Unterstützen bzw. das eigene Teilnehmen an einem derartigen globalen Wirkprinzip zu hinterfragen.





Das Prinzip Wachstum: Eine harmlose Droge?


Obwohl die Wirtschaft Deutschlands in den letzten Jahren mit Raten von 0,3 - 1,5 wuchs, befinden wir uns seit einiger Zeit in einem medialen Jammertal. Warum das so ist, zeigt der Blick auf das Wachstumsprinzip der Weltwirtschaft. Der "Erfolg" einer Volkswirtschaft wird nicht an ihrem absoluten, sondern relativen Wachstum gemessen. Da das durchschnittliche Wirtschaftswachstum anderer Länder im Vergleich zu demjenigen Deutschlands in den letzten Jahren höher lag, (2004: China: 9,5%, Irland 5,5%) schrumpfte die Volkswirtschaft Deutschland relativ gesehen zum durchschnittlichen Wachstum der Weltwirtschaft. Vor dieser Alternativlosigkeit hinsichtlich der Notwendigkeit wirtschaftlichen Wachstums stehen aber letztlich all die Länder, die den größeren Teil ihres Handels durch die Teilnahme am globalen Warenaustausch realisieren, und das sind mit Ausnahme einiger kulturell und wirtschaftlich autarker Inseln wie die Nikobaren (Indien) und kleiner autonomer Länder wie Bhutan fast alle Volkswirtschaften dieses Planeten. Aus der Motivation seine unberührte Natur und einzigartige Kultur zu bewahren, limitierte Bhutan bis jetzt erfolgreich seine Berührungspunkte mit dem Welthandel, ausländischen Kapitalinvestitionen, modernen Massenmedien und dem Tourismus. Bhutan glaubt, dass seine heimische Kultur generell autark sei und dass es von konventioneller westlicher Entwicklung wenig gewinnen könne.

Historisch betrachtet ist das für die Weltkonjunktur lebenswichtige "Prinzip Wachstum" ein eher junges Phänomen. Vor der industriellen Revolution, die in Europa etwa zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzte und dem damit verbundenen Eintritt in ein Wirtschaftsprinzip mineralischen Verbrauchs, war die Menschheit hinsichtlich des wirtschaftlichen Wachstums an die natürlichen energetischen Grenzen eines von der Sonnenenergie gefütterten natürlichen Rohstoffsystems gebunden. Alle verbrauchten Rohstoffe waren aktuell-biotischen und erneuerbaren Ursprungs. Somit war dem Anstieg der Produktion durch den Faktor Bodenproduktivität immer natürliche Grenzen gesetzt. Mit dem Eintritt in die Nutzung mineralischer und alter fossiler Rohstoffe wurden diese weltwirtschaftlich begrenzenden Fesseln gesprengt und der Grundstein für exponentielles Wachstums der globalen Bevölkerung und somit der Weltwirtschaft geschaffen.

Ökonomisches Wachstum steht über das Verbindungsglied "rationales wirtschaftliches Handeln" mit dem Wachstum des Verbrauchs an natürlichen Gütern oder des Umweltverbrauchs in Verbindung. Einige Pessimisten sprechen sogar von einer direkten Koppelung dieser beiden Größen. Eine zeitlich direkte Kopplung dieser beiden Größen ist jedoch schwer nachzuweisen, eine langfristige positive Korrelation existiert hingegen. Die Definition der abhängigen und unabhängigen Variablen ist dabei jedoch faktisch unmöglich, da sich beide Größen indirekt gegenseitig verstärken und abschwächen können. Eine Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Wachstum des Umweltverbrauchs wird beispielsweise von Luks (2002) gefordert. Sie beinhaltet die Chance, den Teufelskreis der Notwendigkeit ewiger Steigerung des Verbrauchs von Rohstoffen zu durchbrechen und folglich nicht "alles bis zum letzten Tropfen" aufzubrauchen mit allen negativen Folgen für die nächsten Generationen.

Dass wirtschaftliches Wachstum nicht automatisch mit einem Wachstum der Lebensqualität einhergeht, zeigen große Industrieunfälle und der zunehmende Grad der Verschmutzung unseres Lebensraumes durch künstlich produzierte Substanzen. Vor diesem Hintergrund stellt sich natürlich die Frage, ob man eine Steigerung der Lebensqualität ohne den Verbrauch mineralischer Ressourcen erreichen kann oder ob das wie im Falle Bhutans für ein Land wie Deutschland überhaupt jemals eine Option sein kann.




Was heißt hier Nachhaltigkeit?


Den Begriff der Nachhaltigkeit enger zu fassen und an konkrete Handlungen zu knüpfen, ist ein schwieriges Unterfangen, da sich unser Leben auf vielen Ebenen abspielt und es eine absolute Wahrheit bei der Beurteilung menschlichen Tuns nicht gibt. Menschliche Existenz ist letztlich der Versuch zu leben und für immer mit der erkenntnistheoretischen Tatsache verknüpft, dass das Entscheidungsproblem für die Logik und die meisten Bereiche der Mathematik unlösbar ist (A. Church). Es gibt demnach kein mechanisches Verfahren zur Lösung des Entscheidungsproblems und es wird dieses auch niemals geben. Jeder Mensch ist daher gezwungen, Probleme und Widersprüche selbst nach bestem Wissen und Gewissen zu lösen. Es macht daher wohl Sinn, den Begriff der Nachhaltigkeit eher im Sinne eines erweiterten Gerechtigkeits- und Systemverbesserungsprinzips zu verstehen.
 




Könn(t)en wir ohne materiellen Konsum leben?


Man kann auch fragen, ob es überhaupt sinnvoll ist, die Möglichkeit eines völlig neuen menschlichen Konsumverhaltens zu diskutieren, d. h. ein "entstofflichtes" Leben und eine auf ideelle Werte fußende Existenz zu fordern.
Schon das Stellen einer solchen Frage mag einigen Menschen im voraus unsinnig erscheinen, da menschliches Leben eine physische Existenz mit allen damit verbundenen Konsequenzen des Konsums materieller Güter ist. Selbst wenn irgendwann unbegrenzte Energiemengen zur Verfügung ständen (z. B. durch den Einsatz der Wasserstofffusionstechnologie oder konsequente solare Energienutzung) wäre es nie möglich, Produkte ohne Rohstoffeinsatz herzustellen. Selbst wenn man an einer Tankstelle "kostenlosen" Strom tanken könnte, müßte doch immerhin das Auto mit allen negativen Nebenwirkungen des Rohstoffverbrauchs produziert werden.

So ist es auch fast der gesamte auf der Erde vorhandene Bestand an Strukturen, welcher nach dem Prinzip mineralischen Rohstoffverbrauchs funktioniert und welcher vorerst nicht oder nur sehr langsam ersetzt werden kann. Z. B. wird es wohl in absehbarer Zeit nicht möglich sein, das Element der Fortbewegung bei Fahrzeugen (Name!) durch ein innovatives neues Prinzip wie z. B. das Schweben (Luftschiffe, Zeppeline?) zu ersetzen und damit den massiven Rohstoffeinsatz bei der Produktion von Reifen und mechanischer Fortbewegung zu vermeiden. Wie schwer es eine derartige Technologie hat, sich gegen bestehende Stukturen durchzusetzen sieht man an den bisher gescheiterten Versuchen, in Europa eine Transrapidstrecke zu realisieren.





Unser Konsumverhalten in der sogenannten nachindustriellen Gesellschaft


Die Reduzierung materiellen Konsums kann auch an einem weniger globalen Beispiel, nämlich demjenigen des Landes Deutschland betrachtet werden: Die Hoffnung, daß eine nachindustrielle ökologischere Gesellschaft im Zuge der Entwicklung zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft sozusagen "gratis" entsteht, ist derzeit ebenfalls Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Dazu ist zu sagen, daß das Betreiben eines Dienstleistungssektors selbst an ökologisch z. T. sehr belastende und rohstoffintensive Produkte wie Computer gebunden ist. Zum anderen hat eine Dematerialisierung des Systems in diesem Sinne oftmals gar nicht stattgefunden, sondern nur eine Verlagerung der Produktionsstätten in andere Regionen oder Länder. Auch die Existenz der Sektoren Verwaltung, Dienstleistung und Information basiert ja in Wirklichkeit auf der Produktion individueller Konsumgüter. Man sollte ehrlich sein: Der Begriff "Nachindustriell" beinhaltet wohl zumindest auch den Seufzer der Erleichterung, daß die Dreck produzierende Industrie woanders qualmt und nicht vor der eigenen Tür. Ist eine kostenlose Ökologisierung unserer Gesellschaft demzufolge nicht wahrscheinlich eine lokale Scheinrealität und global gesehen nicht in Wirklichkeit eine unrealistische Illusion?





Innovationen, Austauschtechnologien und Effizienzsteigerungen

Derzeit wird die Möglichkeit, einen wirtschaftlichen Strukturwandel auf der Basis innovativer Technologien zu realisieren, in der öffentlichen Meinungsbildung hoch gehandelt. Abgesehen von der grundsätzlichen Notwendigkeit und Wichtigkeit von Innovationen, sollte ihr alleiniger Auftritt als Problemlöser im Sinne eines Allheilmittels jedoch sehr kritisch hinterfragt werden. Zum einen beinhalten Innovationen aufgrund ihrer Neuheit die Systemeigenschaft einer gewissen Unberechenbarkeit hinsichtlich ihrer problemlösenden Kraft. Die Lösung aktueller Probleme von Innovationen zu erhoffen, deren Lösungsmöglichkeit vielleicht sogar noch nicht einmal geschaffen wurde, da es sie noch gar nicht gibt, gleicht somit dann der Teilnahme an einem Glücksspiel. Des weiteren bedeutet das Wort Innovation nicht automatisch umweltfreundlich, wie man im Falle der Solarzellenproduktion sehen kann, deren industrielle Fertigung ein hohes Maß an Umweltverschmutzung birgt.

Aber auch der Ersatz umweltbelastender Stoffe oder Methoden durch innovativere, nachhaltigere Wege birgt die Gefahr, dass je innovativer der Weg, umso unverwechselbarer, nicht vergleichbar und nicht als Ersatz in Frage kommend eine solche Methode dann ist. Das hat zur Folge, dass aufgrund der Neu- und Andersartigkeit dieser Methode diese als Ersatzlösung nicht in Frage kommt und somit als zusätzliches Element den Markt betritt. Da eines der Hauptmerkmale der modernen Marktwirtschaft in ihrer Fähigkeit zur Angleichung besteht, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, daß Innovationen nicht zur Auswechselung führen, sondern als eine weitere Marktmöglichkeit fortexistieren.

Die Möglichkeit über Effizienzsteigerungen zu einem ressourcenschonenderen gesamtwirtschaftlichen Verhalten zu gelangen, wird derzeit ebenfalls diskutiert. So wird beispielsweise bei der auch als "Faktor Vier" (Weizsäcker, Ernst Ulrich von, 1995) bekannten Auseinandersetzung eine Verdopplung der Lebensqualität bei halbiertem Ressourceneinsatz propagiert. Selbst, wenn dieses hoch gesteckte Ziel "Faktor Vier" nicht erreicht werden sollte, wohnt Effizienzsteigerungen bei der Nutzung von Ressourcen ein hohes Potential inne. Sowohl durch die verantwortungsvolle private Nutzung von Energie in einem Niedrigenergiehaus, als auch durch sinnvoll gestaltete industrielle Wertschöpungs- und Recyclingketten können Rohstoffe eingespart werden.

Keiner der drei beschriebenen Wege stellt den Königsweg für die Lösung drängender Zukunftsfragen dar, sondern kann nur in einer Kombination aller ausschöpfbaren Optionen in Verbindung mit einer Steigerung des öffentlichen Bewußtseins für die Grenzen unseres Lebensraumes liegen. Es besteht jedoch leider auch die Gefahr, daß alle drei beschriebenen Möglichkeiten vom Effekt wirtschaftlicher Aktivität überkompensiert (Rebound-Effekt) und somit geschluckt werden. Damit ist gemeint, daß das exponentielle Wachstum der Wirtschaft diese ökologischen Gewinne wieder aufzehrt und ein scheinbar ökologisches Verhalten nur suggeriert wird. Eine derartige Realität würde dann wohl zu Recht im Bereich der Placebo-Politik eingeordnet werden.


Und was hat das alles mit mir zu tun?


Es wurde schon gesagt, daß menschliche Existenz wohl letztlich einen (Über)Lebensversuch darstellt, und eine Entscheidung schließlich immer vom Individuum getroffen werden muß. Unabhängig von der Notwendigkeit wichtiger politischer Weichenstellungen ist es letztlich doch der Verbraucher, der mit seinem Verhalten Strukturen füttert oder Gräben trockenlegt. Dabei kommt es eben auf darauf, das kontinuierliche Hinterfragen eines eigenen Lebensstils an, und daß die bequeme Sofaposition, die man sich gelegentlich gönnen sollte, nicht zu einem Dauertiefschlaf führt. So kann man sicherlich eine mittlerweile etablierte "Geiz-ist-Geil-Mentalität" mal hinterfragen. Dabei geht es dann nicht nur um das WO des Kaufens, sondern erst einmal darum, OB man ein Produkt unbedingt benötigt.





Weiterführende Literatur:


Greenpeace/DIW (Hrsg.)(1999): Wirtschaft ohne Wachstum? Denkanstöße – Handlungskonzepte – Strategien. Wiesbaden: Gabler.

Jahrbuch Ökologische Ökonomik, Band 4: Innovation und Nachhaltigkeit. Metropolis Verlag für Ökonomie, Gesellschaft und Politik GmbH, Marburg 2005.

Luks, F. (2002): Nachhaltigkei, Umweltgeschichte Wirtschaftspolitik. Warum die Wachstumsfrage aktuell bleibt. In: Natur und Kultur, Jahrgang 3, Heft 2, Herbst 2002

Meadows, Dennis / Meadows, Donella / Randers, Jørgen (1992): Die neuen Grenzen des Wachstums. Die Lage der Menschheit: Bedrohung und Zukunftschancen. 5. Auflage. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.

Weizsäcker, Ernst Ulrich von / Lovins, Amory B. / Lovins, L. Hunter (1995): Faktor Vier. Doppelter Wohlstand – halbierter Naturverbrauch. München: Droemer Knaur.